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Teilen oder Neuordnen? Über die globale Zukunft der Arbeit (Wolfram Frommlet) |
Drei Daten zu Anfang meines Essays:
1969, als ich zum ersten Mal einer deutschen Gewerkschaft beitrat, als junger Dramaturg und Regisseur der damaligen Bühnengenossenschaft, beherrschten zwei Farben eine Mai-Demonstration: rot und weiß. Das Rot der Fahnen, das Weiß der Hautfarbe der Teilnehmer.
1995, auf dem Weg zu einem Auftritt auf einer Kulturveranstaltung im Düsseldorfer Hofgarten, war das Farbenspektrum der 1.Mai-Demonstration mit dem "alter Zeiten" nicht mehr vergleichbar: nicht-weiße Hautfarben dominierten fast den Zug - Tamilen aus Sri Lanka, Türken und Kurden, Exil-Iraner, Studenten- und Arbeitergruppen aus Afrika, Asien, Lateinamerika. Die Dritte Welt war nicht mehr weit weg - sie war mitten unter uns.1991 hatte der "Tag der Arbeit" in bundesdeutschen Großstädten gerade noch jeweils ein paar Tausend auf die Beine gebracht. Die politische Wegzehrung des Kanzlers, "die Zeit der alten Kampfparolen sei vorbei", erschien somit fast unnötig. Gibt die Wirklichkeit ihm nicht recht?
In den 50er Jahren lag die Ersparnis einer deutschen Durchschnittsfamilie bei 5% des Bruttoeinkommens, heute liegt sie bei 15% und höher. Das Geldvermögen eines deutschen Haushaltes West, betrug 1989 95.000 DM. Arbeit lohnt sich wieder. Zumindest für zwei Drittel der Gesellschaft. Und Arbeit heißt für viele, haben zu können, was man möchte und das, was man hat, möglichst rasch nicht mehr zu wollen.
Auf einem Auto-Aufkleber eine neue Kampfparole als Empfehlung an die Gewerkschaften:
"Die 35 Stunden-Woche schafft Arbeitsplätze in Fernost."
So dumm die Folgerungen sind, so richtig ist der Kern an dieser Polemik: die "Neue Weltordnung" hat im Bereich der Arbeit längst begonnen. Unter der alten Ordnung der Kolonialmächte waren die Verhältnisse noch klar: die Menschen des Südens als Zulieferer von Rohstoffen für die Industrialisierung und, zu Beginn, für den Luxus der Kapitaleigner und der mit ihr verbundenen Mittelschicht: Mahogany-Boudoirs, Tee, Kakao, Seide und Zigarren.
Als die Industrialisierung es Unternehmern ermöglichte, Arbeit zu maximieren, also mehr zu produzieren, als der nationale Markt aufnahm, bekamen die Zulieferer aus den Kolonien die Ehre, vom schäbigen Lohn nun auch noch die im fernen Europa aus ihren Rohstoffen hergestellten Waren kaufen zu dürfen.
Gandhi war es, der die Inder erfolgreich dazu aufforderte, die in England aus indischer Baumwolle hergestellten, und dann in die Kolonie exportierten Textilien, zu verbrennen und zu boykottieren.
Die Arbeiterbewegung in Europa und in den USA kämpfte um die ökonomische Teilhabe an den Früchten ihrer Arbeit. Gewonnen hat der größere Teil von ihr materiell durchaus.
Verloren haben in diesem Kampf um ökonomische Emanzipation die Arbeiter in der Dritten Welt. Die Zahl derer, die in den Industrieländern die Arbeit der Baumwollpflücker, der Kaffeebauern oder der Bergleute für die stetig wachsenden Ansprüche, für eine immer breitere Palette aus Produkten, die aus den Rohstoffen der ehemaligen Kolonien entstehen, in Anspruch nehmen, hat sich vervielfacht.
Weil es kein wirtschaftliches Modell gibt, in dem die Wertschöpfung von Arbeit für eine wachsende Zahl von Menschen steigt, ohne dass sie gleichzeitig anderswo entnommen wird, hat sich die Ausbeutung, gegen die die Arbeiterbewegung einst angetreten war, nur verlagert. Was sich verändert hat, sind die Dimensionen der Ausbeutung durch Arbeit nach dem westlichen Entwicklungsmodell. In weniger als drei Generationen hat der kleinste Teil der Weltbevölkerung, die Industriegesellschaften, diesen Globus geplündert wie Vandalen einen Porzellanladen.
Haben anfangs nur die Eliten der Zentren in Europa von der Plünderung der Dritten Welt größten Nutzen gehabt, und die Lohnabhängigen nur ganz marginalen, hat sich dies, makabrerweise, gerade durch die Erfolge der gewerkschaftlichen Kämpfe, zugunsten der gesamten Arbeiter- und Angestelltenklasse verändert.Die in Malaysia oder Vietnam "günstig" hergestellten Turnschuhe werden nicht nur vom Mittelstand, sondern auch von Gewerkschaftern und ihren Kindern getragen; der preislich immer "günstigere" Kaffee deutscher Großröster von allen getrunken und die textilen Schnäppchen von "Strauss Innovation" bis "C & A", deren Baumwolle ja "irgendwo von irgendjemandem" durch besonders "günstige Arbeitsbedingungen" angebaut, geerntet und verarbeitet worden sein muss, werden von allen gekauft. Auch und gerade von deutschen Gewerkschaftern und ihren Familien.
"Im Mittelpunkt steht der Mensch", war und ist eine der Losungen der Gewerkschaftsbewegung, in der Natur lediglich als grenzenlos ausbeutbares Reservoir vorkommt. Der Mensch wurde nicht als gleichberechtigter Teil eines universellen Systems gesehen, das nach sehr viel komplexeren Gesetzen als denen der Industrialisierung, und über unendlich längere Zeiträume, Wertschöpfung schafft. Hier liegt einer der Gründe, warum die Ökologiebewegung bis jüngst den Gewerkschaften suspekter war als jeder Unternehmer.Dass Europa nicht mit ideellen Werten Jahrtausende alten Kulturen in Asien, Afrika und Lateinamerika begegnete, sondern dass es mit Produkten materieller Arbeit, mit Waffentechnik, mit Eisenbahnen und Maschinen die anderen Kontinente unterjochen konnte, ist die Voraussetzung dafür, dass mehr denn je der Faktor Arbeit unser Verhältnis zu den Ländern des Südens bestimmt, nicht der Austausch von Ideen und Kultur.
Das alte System der Internationalen Arbeitsteilung wurde von seinen Erfindern in dem Maße verändert, wie sich bei den Lohnabhängigen in den Industriegesellschaften das Verständnis von Arbeit emanzipierte:
mehr Rechte, mehr Freizeit, mehr Lohn und mehr Aufklärung über gesundheitliche Risiken - als Reaktion wurden ganze Industriezweige verlagert in sogenannte Export- und Freihandelszonen.
Protektionistische Aufkleber, wie sie in England zu Hauf zu sehen sind - "buy British", oder die rassistische Polemik, die den anderen ganz offensichtlich das Recht auf Arbeit abspricht - "Die 35 Stundenwoche sichert Arbeitsplätze in Fernost" - treffen die Wahrheit ja nur halb und sind verlogen. Der Großteil jener Arbeit nämlich, die in die Dritte Welt verlegt wurde, bewirkt abgrundtiefe Stumpfsinnigkeit, unmenschliche Gleichförmigkeit und gesundheitliche Schäden, die kein Europäer mehr bereit wäre, zu akzeptieren. Die Frauen in den Freihandelszonen, die jährlich Zigtausende von Chips und Elektronikteilen verarbeiten, müssen nach wenigen Jahren ausgetauscht werden, weil ihre Konzentrationskraft, ihre Gelenke, ihr Augenlicht verbraucht sind.
Und nur die Billiglohnbedingungen ermöglichen, dass Arbeiter und Angestellte die Beerdigung der Oma mit dem Camcorder dokumentieren, den Zweitfernseher im Wohnmobil, das Videospiel mit joysticks im Kinderzimmer aufstellen können.
Fast ausschließlich werden die Arbeitskräfte für die neuen Industriezonen vom Lande rekrutiert, mit der Folge, dass der kleinbäuerliche Bereich zusammenbricht. Die Billigkräfte finden, wenn sie verschlissen sind, ihren Weg nicht zurück in die dörflichen Existenzen und verkommen als städtisches Subproletariat. Die Arbeit hat sie zu kulturellen Wracks demontiert, Schäden, die bislang in keiner Kostenrechnung vorkommen.Schon aber wird auch die "Neue Arbeitsteilung" im Norden wieder neu gemischt: ausgelagerte Industriezweige werden, weil unrentabel, rücktransferiert. Modernste, computergesteuerte Technologien sind inzwischen profitabler und effektiver als die fleißigen Hände auf Haiti oder in Malaysia.
Nicht die Arbeitsplätze jedoch kommen zurück, sondern nur die Produktionsbereiche. Die Chip-Produktion von Siemens in Malaysia benötigt 700 Arbeiter, die Chip-Produktion in Regensburg 35. In Radolfzell fertigt eine vollautomatisierte Anlage mit weniger als zehn Facharbeitern an Unterwäsche, wofür in Macao oder Hongkong mehrere Hundert Arbeiterinnen benötigt würden.
Trotz hoher Investitionskosten überwiegen die Vorteile:
gleichbleibende Qualität, kein ständiges Anlernen neuer Kräfte, keine Probleme mit fremden kulturellen Gewohnheiten, keine Angst vor sozialen und politischen Unruhen, und in wenigen Stunden lässt sich die gesamte Fertigungsanlage auf neue Designs, neue Materialien umprogrammieren. Was in vielen Exportzonen sich nun anbahnt, sind menschliche und industrielle Abraumhalden.
Gewiss: Ein Teil der neuen Internationalen Arbeitsteilung wird auch weiterhin ausgelagert bleiben. Zum einen jene Produktionsbereiche, die aus ökologischen Gründen in Europa oder den USA zu viel Widerstand verursachen würden. Die Herstellung von Pestiziden oder Chemikalien, die bei uns verboten sind, in der Dritten Welt aber immer noch einen Markt finden oder die dort unter Bedingungen produziert werden, die hier jeden Staatsanwalt auf den Plan riefen. Jeans, in der Dritten Welt produziert, sind unter anderem so preisgünstig für uns, weil das hochgiftige "Indigo Blue" in Flüsse und Erde gekippt wird, statt kostenaufwendig wiederverwertet und recycelt.
Ich erinnere auch an die Katastrophe im Werk des amerikanischen Chemiemultis Union Carbide im indischen Bophal. Genau zehn Jahre ist dies her. Auf Entschädigungen warten die meisten Opfer noch heute, so wie die ehemaligen Zwangsarbeiter in deutschen Unternehmen. Welche Gewerkschaft hat sich je darum gekümmert?Zum anderen werden jene Produktionsbereiche ausgelagert bleiben, vor allem im Automobilbau und der Elektronik, in Ländern wie Brasilien, Mexiko, Indonesien, Taiwan oder Korea, in denen eine einheimische Facharbeiterschaft so hoch qualifiziert wurde, dass sie mit komplexen Fertigungsanlagen, die europäischen und amerikanischen Standard produzieren, umgehen kann. Mit ihr lässt sich, zumindest so lange in diesen Ländern, mit ein wenig Hilfe von außen, demokratische Regime verhindert werden, Druck gegen nach Ansicht der Kapitaleigner überhöhte Forderungen zu Hause machen. Multinationale Konzerne verfügen inzwischen durch Satellitentechnik über Standleitungen zwischen den Zentralen und den Dependancen in der Dritten Welt. Weil global die Produktionsanlagen immer mehr genormt sind, lassen sie sich, etwa im Falle eines längeren Streiks in einem Land, in wenigen Stunden an anderer Stelle umprogrammieren.
Welche globalen Auswirkungen auf Arbeit transnationale Konzentrationen haben, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Nahrungsproduktion:
mit dem Zusammenwachsen von EG-, EFTA- und den osteuropäischen Staaten entsteht ein Markt von 700 Millionen Menschen, dessen Kaufkraft für vorgefertigte Nahrung auf 800 Milliarden Mark geschätzt wird. Den werden sich lediglich vier fast-food und eine Handvoll Nahrungskonzerne, wie Unilever, Nestlé und Agnelli teilen. Sie bestimmen die Anbausorten und die Preise der Rohstoffe in der Dritten Welt, sie produzieren Saatgut, Pestizide, sie kontrollieren Gentechnologie, Verpackung, Transport und Verkauf und damit Arbeits-, Lebens- und letztlich sogar Kulturgewohnheiten über Kontinente hinweg.
Forschung, Planung, Marktstrategien spielen sich nur noch in wenigen Schaltzentralen ab, nach darwinistischen Gesetzen, wie ein PR-Berater in faszinierender Offenheit im Fachblatt "Blick durch die Wirtschaft" zugibt: Original-Zitat -
"Die rasant anwachsenden Größenordnungen der Unternehmen brachten es mit sich, dass in den überdimensionierten Verwaltungs-organisationen ein Konkurrenzdenken entwickelt wurde, das sich mehr und mehr auf paramilitärische Prinzipien stützt...Das Wirtschaftsgeschehen und seine Systeme mussten sich, um überlebensfähig zu bleiben, von allen menschlichen Werten und Bindungen lösen. Wirtschaft heutigen Ausmaßes ist nur noch aktionsfähig, wenn sie dem Gesetz des Dschungels gehorcht: Der Stärkere frisst den Schwächeren. Das heißt, humane Gesichtspunkte sind nicht mehr gefragt und jedwede Ethik ist für die Wirtschaft nur hinderlich." Zitatende.
Solche Arbeit lässt sich auf Dauer nur durch Verdrängung ertragen. Ein Teil von Arbeit produziert jene Konsumprodukte, in denen Zweifel oder Skrupel über das Wesen der Arbeit erstickt werden. Die Fremdbestimmung wird kompensiert durch ein Selbstwertgefühl über einen Konsumstandard, den sich der Nachbar hoffentlich nicht leisten kann.
Die sozialistische Vorstellung, der Mensch könne sich über die Arbeit befreien, weil er durch sie sich und seine Umgebung selbstbestimmt gestalten könne, ist gerade von jenen ad absurdum geführt worden, die die zentralisierte Zerstörung von Natur und menschlicher Phantasie zynisch als Sozialismus bezeichneten.
Nun, da die Betrogenen scharenweise ihre Freiheit im Kapitalismus wähnen, und sinnigerweise fast zeitgleich zum "Tag der Arbeit", stellte der Papst 1991 in der Enzyklika "Centesimus annus" die Früchte kapitalistischer Arbeit in verblüffender Schärfe an den kirchlichen Pranger. Eine alle menschlichen Werte zerstörende Konsumgesellschaft sei der Lohn für die Arbeit.
Eine neue Solidarität forderten katholische Bischöfe in einer ersten Antwort. Diese wird, sollte sie ernst gemeint sein, über unsere eigenen Produktionsstätten hinausgehen müssen.
Nach Berechnungen der Internationalen Arbeitsorganisation, ILO, müssen bis zum Jahre 2000 in der Dritten Welt 1,2 Milliarden Arbeitsplätze geschaffen werden, um wenigstens
die schlimmsten Unruhen zu verhindern. (Andere Schätzungen, etwa des World Watch Institutes, liegen weit höher).
Werden wir, statt Arbeitsplätze nur mit stumpfsinniger Massenfertigung und in immer neuen ökologischen Einöden von Nahrungskonzernen zu schaffen, werden wir den Menschen im Süden erlauben, wieder in Würde für die eigenen Bedürfnisse zu arbeiten? Werden wir ihnen jene Technologien abgeben, die es ihnen ermöglichen werden, in angepasster Form, arbeits-, statt kapitalintensiv, und dezentral, um möglichst viele zu erreichen, das selbst zu produzieren, was sie bislang zu den von uns bestimmten Bedingungen importieren mussten?
Von der Malariatablette bis zum Stromkabel?
Im Hotel in der ugandischen Hauptstadt Kampala nehme ich das Handtuch vom Haken. Auf dem label steht "made in Germany". Schön für uns. Uganda ist einer der Hauptproduzenten von Baumwolle. Dreißig Jahre nach seiner Unabhängigkeit fehlt es an den technischen Möglichkeiten, diese selbst zu verarbeiten. Auf den Märkten kaufen sich die Armen - und das heißt das Gros der Bevölkerung - ihren in Europa verarbeiteten Rohstoff wieder zurück: Altkleider aus Deutschland. Von Kapitaleignern alleine können solche Mengen nicht stammen. Von wem dann? Wenn unsere Solidarität sich nicht nur auf uns, sondern hoffentlich auch auf die kommenden Generationen und die Natur bezieht, wird der ökologische Umbau der Industriegesellschaften einen Großteil neuer, kreativer Arbeit erfordern - Landwirtschaft, Öffentlicher Verkehr, Stadtkultur, alternative Energien, Recycling, - Bereiche, die auch für die Dritte Welt von Priorität sind. Bisher hat der Westen, mit entsprechender Zeitverzögerung, um den nötigen Abstand aufrecht zu erhalten, nur Negativ-Technologie als Entwicklungskopie weitergegeben - Atomkraft, Rüstung, Autoindustrie, Megastaudämme mit Siemenstechnologie, aus deren Strom in den neuen Industriezentren unser Freizeitschnickschnack für die 30 Stunden-Woche hergestellt wird; chemieabhängigen Landbau oder halbautomatisierte Brotfabriken für asiatische Großstädte. Made in Germany.
Werden wir bereit sein, der Dritten Welt, ohne Profitabsichten und ohne Zeitverzögerung, die technischen Alternativen abzugeben? Weil sich die Menschheit eine Wiederholung unserer fragwürdigen Arbeitsergebnisse nicht leisten kann.
Sollten nun die korrupten Eliten des Südens mit ihrem westlichen Modernisierungswahn, der bedürfnisorientierte Arbeit für die Mehrheit der Menschen verhinderte oder gar zerstörte -, sollten sie nun von ihren eigenen Völkern hinweggefegt werden, wird eine kritische, bislang unterdrückte Opposition das Ende der Internationalen Arbeitsteilung fordern.
Ein Beispiel: Die ECA, die Ökonomische Kommission für Afrika, hat eine "Afrikanische Alternative" entworfen, deren Ziel es ist, einen Kontinent zu transformieren von einem abhängigen, ausgebluteten Rohstofflieferanten zu einer binnenmarkt-orientierten Regionalmacht, die endlich beginnt, sich auf die eigenen Ressourcen zu besinnen, statt mit jeder importierten Schraube uns noch reicher zu machen.
Falls nicht neue Kolonialkreuzzüge geplant sind, sollten die Industriegesellschaften sich besser rasch darauf einrichten, dass die Zeiten der Exportbooms, der Vollbeschäftigung und des grenzenlosen Wachstums vorbei sind, weil wir, in Solidarität mit der Zweidrittelwelt, Arbeit und Ressourcen werden teilen müssen.
Entsprechend einer so simplen wie moralische Arithmetik: Der kleinste Teil für uns.
Das gäbe den Menschen im Westen eine letzte Chance, weniger zu arbeiten, weniger zu produzieren, damit weniger zu zerstören und alle freiwerdene Arbeit, Zeit und Ressourcen auf den Wiederaufbau einer Republik zu verwenden. Republik, das Gemeinwesen, als res publica, als Öffentliche Sache aller.
Nicht nur wie wir arbeiten, wo und an was, wird in nicht-öffentlichen Managementzentralen entschieden. Auch was wir essen, wie wir wohnen, wie wir uns erholen, worüber wir uns amüsieren sollen. Fast alles ist fast allen der Mit- oder gar der Selbstbestimmung entzogen. Den Blick nach hinten, auf die Spuren, die unsere Arbeit hinterlässt, verbaut der eigene Heckspoiler, den Blick nach vorne, der des Vordermannes.Es ist Zeit, dass in den Gewerkschaften nicht nur über Lohnausgleich, Arbeitsplätze, oder Verringerung der Arbeitszeit nachgedacht wird, sondern über einen neuen Kulturbegriff, ohne den weniger Arbeit für alle, gerechtere internationale Arbeitsteilung und sozial- und umweltverträgliche Arbeit nicht möglich sein wird.
Arbeit in den westlichen Entwicklungsmodellen hat so katastrophale ökologische, soziale und kulturelle Verheerungen angerichtet, dass es für die Menschheit das Beste wäre, wir im Norden würden unsere reproduktive Arbeit auf die Hälfte reduzieren, und die freiwerdende Zeit darauf verwenden, uns auf die Suche nach uns selbst, auf die Suche nach einer Sinnfrage zu begeben, und später einmal, auf die Suche nach Menschen und Kulturen in der Dritten Welt, und nicht nach Arbeitskräften und nach Abnehmern unserer Produkte.
erschienen in:
Klaus Zwickel (Hrsg.), Zukunftsprofile - Gewerkschaften im
gesellschaftlichen Dialog, Bund-Verlag, 1995
gesellschaftlichen Dialog, Bund-Verlag, 1995
Website von Wolfram Frommlet [klick]
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